Zwischen Pâtisserie und Couture:
Historische Adressen in Paris

Auf den Spuren traditionsreicher Häuser der Pariser Pâtisserie und einer Adresse, die zum Sinnbild französischer Couture wurde.

Paris bewahrt seine Vergangenheit nicht allein in den Sälen seiner Museen oder hinter vergoldeten Toren. Auch die Fassaden seiner Palais erzählen von früheren Jahrhunderten. Doch die Geschichte der Stadt lebt ebenso in den Geschäften weiter, die seit Generationen zu ihrem Alltag gehören. Man findet sie in einer bemalten Decke über der Kuchentheke oder in einer alten Ladenfront. Mitunter offenbart sie sich auch in einem Namen, der über Generationen hinweg an ein und derselben Adresse fortbesteht.

Mich berührt an historischen Orten vor allem das Bewusstsein, an demselben Ort zu stehen, an dem Menschen früherer Generationen lebten, arbeiteten oder einen Teil ihres Alltags verbrachten. Ob er heute weiterhin auf ähnliche Weise genutzt wird, ist dabei nicht entscheidend. Schon das Betreten seiner Räume lässt die Vergangenheit für mich weniger fern erscheinen. Bei den besuchten Pariser Pâtisserien kam hinzu, dass Gebäck noch immer über den Tresen gereicht wird und sich der Alltag in Räumen fortsetzt, die bereits unzählige Geschichten erlebt haben.

Während meines Aufenthalts in Paris suchte ich deshalb Adressen auf, an denen die Vergangenheit der Stadt bis heute sichtbar geblieben ist. Zunächst besuchte ich drei sehr unterschiedliche Häuser der Pariser Backkunst. Später führte mich mein Weg in die Rue Cambon, wo sich hinter einer zurückhaltenden Fassade eine der bedeutendsten Geschichten der französischen Mode entfaltet hat.

Au Petit Versailles du Marais: Die Pracht einer alten Boulangerie

An der Ecke der Rue François Miron und der schmalen Rue Tiron liegt eine Bäckerei mit einer warmen, beinahe terrakottafarbenen Fassade. Schon von Weitem hebt sie sich von ihrer Umgebung ab. Historische Malereien unter Glas rahmen den Eingang. Im Inneren fügen sich Spiegel, geschnitzte Holzarbeiten und eine reich verzierte Decke zu einem prachtvollen Gesamtbild. Kristallkronleuchter verleihen dem Raum einen Glanz, den sein Äußeres kaum erahnen lässt.

au petit versailles du marais, paris © elegance & heritage

Die Geschichte der Bäckerei an diesem Ort reicht bis in die Zeit um 1860 zurück. Die bemalte Deckengestaltung wird dem Atelier von Charles Anselme zugeschrieben. Der historisierende Dekor greift die Formenwelt des 18. Jahrhunderts auf und erinnert an die eleganten Räume des Petit Trianon. Die heute sichtbare Ausstattung stammt jedoch aus späterer Zeit und ist keine erhaltene Einrichtung des 18. Jahrhunderts.

Der Name Au Petit Versailles du Marais ist als Anspielung auf die Atmosphäre des Ortes zu verstehen, nicht als Hinweis auf eine historische Verbindung zu Versailles. Spiegel, Malereien und feine Ornamente erinnern bis heute an die elegante Formensprache höfischer Interieurs.

Ich setzte mich vor das Geschäft und bestellte einen Kaffee mit einem Croissant. Im hellen Pariser Tageslicht betrachtete ich die bemalte Ladenfront. Die Schlichtheit des Augenblicks machte seinen besonderen Reiz aus. Das alltägliche Ritual eines kleinen Frühstücks verband sich mit einem Ort, an dem die Stadtgeschichte nicht ausgestellt wird. Sie wird hier ganz selbstverständlich weitergelebt.

Stohrer: Eine Pariser Institution seit 1730

Unter den besuchten Adressen lässt sich die Geschichte Stohrers am weitesten zurückdatieren. Nicolas Stohrer hatte zunächst am Hof Stanislas Leszczyńskis gearbeitet, des ehemaligen Königs von Polen und späteren Herzogs von Lothringen. Als dessen Tochter Marie Leszczyńska im Jahr 1725 Ludwig XV. heiratete, folgte Stohrer ihr nach Versailles und wirkte dort fortan als Pâtissier des Königs. Im Jahr 1730 eröffnete er sein eigenes Geschäft in der Rue Montorgueil.

Stohrer gilt heute als die älteste noch bestehende Pâtisserie der Stadt. Fast drei Jahrhunderte nach ihrer Gründung empfängt die Maison ihre Kundschaft weiterhin in der Rue Montorgueil, heute im Haus Nummer 51. Selbst in Paris, wo die Vergangenheit vielerorts sichtbar fortlebt, verleiht eine beinahe drei Jahrhunderte währende Kontinuität dem Haus einen besonderen Rang.

historisches dekor bei stohrer, paris © elegance & heritage

Bei Stohrer ist allerdings zwischen dem Alter des Hauses und dem seiner sichtbaren Ausstattung zu unterscheiden. Das Gebäude stammt überwiegend aus dem späten 18. Jahrhundert. Die dekorative Ausgestaltung der Pâtisserie entstand im Wesentlichen um 1850; die unter Glas angebrachten Malereien werden dem Dekorateur Thivot du Mur zugeschrieben. Seit 1984 sind die Ladenfront, die Straßenfassade und das Innendekor als Monument historique eingetragen.

Stohrers Geschichte verkörpert sich daher nicht in einem einzigen, seit 1730 unveränderten Raum. Sie zeigt sich vielmehr in mehreren historischen Schichten, die im Laufe von beinahe dreihundert Jahren entstanden sind. Diese gewachsene Verbindung verschiedener Epochen macht die Authentizität des Hauses aus. Der Ort verdankt sein Fortbestehen keiner musealen Bewahrung, sondern der Kontinuität seines Handwerks.

pralinenschachtel aus dem hause stohrer, paris © elegance & heritage

Ladurée Royale: Wo die Geschichte des Hauses begann

Ladurée ist inzwischen weit über Paris hinaus bekannt. Mein Weg führte mich jedoch in die Rue Royale, wo die Geschichte des Hauses ihren Anfang nahm.

Im Jahr 1862 eröffnete Louis Ernest Ladurée unter der Adresse 16, rue Royale eine Bäckerei. Die Umgebung zwischen der Place de la Madeleine und der Place de la Concorde war damals zunehmend von Luxusgeschäften und anspruchsvoller Gastronomie geprägt. Die Gründung fiel in die Zeit des Zweiten Kaiserreichs, in der Paris unter Napoleon III. und Baron Haussmann einen tiefgreifenden Wandel erlebte.

Die ursprüngliche Bäckerei blieb jedoch nicht lange in ihrer ersten Gestalt erhalten. Im Jahr 1871 wurde das Geschäft durch einen Brand schwer beschädigt. Anschließend wurde es als Pâtisserie neu gestaltet. Für das Dekor engagierte das Haus den Maler und Plakatkünstler Jules Chéret.

Seine geflügelten Figuren wurden später als die „Pâtisserieengel“ bekannt. Gemeinsam mit dem charakteristischen Celadongrün prägten sie die visuelle Welt Ladurées nachhaltig.

Jeanne Souchard entwickelte später die Idee, Pâtisserie und Café an einem Ort miteinander zu verbinden. So entstand in der Rue Royale einer der frühen Pariser Salons de thé. Die klassischen Cafés waren zu dieser Zeit noch vorwiegend männlich geprägt. Ein solcher Salon eröffnete Frauen einen eleganten gesellschaftlichen Rahmen für Begegnung, Gespräch und kultivierte Geselligkeit.

historisch inspirierte darstellung von ladurée royale gegen ende des 19. jh. · ki-generiert

Wer Ladurée Royale heute besucht, betritt deshalb keine vollkommen unveränderte Bäckerei aus dem Jahr 1862. Der Brand prägte das Haus ebenso wie spätere Restaurierungen und neue gestalterische Eingriffe. Die historische Kontinuität zeigt sich vor allem in der fortbestehenden Adresse und in der Maison selbst. Sie erneuerte sich immer wieder und blieb ihrer Herkunft aus der Rue Royale dennoch stets verbunden.

31, rue Cambon: Von der Pâtisserie zur Couture

Nicht weit von der Rue Royale führt der Weg aus der Welt der Pâtisserie in die der Couture. Statt bemalter Decken und gläserner Kuchentheken begegnet einem in der Rue Cambon eine zurückhaltende Fassade. Die schlichte schwarze Zahl 31 ist längst selbst zu einer Chiffre der Pariser Modegeschichte geworden.

Ich wollte genau dort stehen, wo Gabrielle Chanel über Jahrzehnte wirkte und ihre Pariser Welt Gestalt annahm. Kaum ein anderer Ort ist so eng mit ihr und der Entwicklung der französischen Couture verbunden.

Die Nummer 31 markierte allerdings nicht den Beginn ihrer Pariser Laufbahn. Gabrielle Chanel eröffnete bereits 1910 in der Nummer 21 derselben Straße eine Hutboutique unter dem Namen Chanel Modes. Im Jahr 1912 folgte ihre erste Boutique in Deauville. Drei Jahre später eröffnete sie ihre erste Couture-Maison in Biarritz.

Erst 1918 erwarb sie das Gebäude mit der Nummer 31 und richtete dort ihre Pariser Couture-Maison ein. Das Haus vereinte Boutique, Salons und Ateliers unter einem Dach. Diese Verbindung besteht in ihren Grundzügen bis heute fort. Die Nummer 31 wurde damit zum dauerhaften Mittelpunkt ihrer Pariser Welt und zu deren berühmtester Adresse.

31, rue cambon, paris © elegance & heritage

Von der Straße aus ist dem Haus kaum anzusehen, dass hinter seinen Mauern eine Vorstellung von Eleganz Gestalt annahm, deren Wirkung weit über die Rue Cambon hinausreichte. Die zurückhaltende Fassade verrät nur wenig von den Entwürfen, Begegnungen und Entscheidungen, durch die diese Adresse zu einem Schauplatz der Modegeschichte wurde.

Wenn Geschichte Teil des Alltags bleibt

Au Petit Versailles du Marais, Stohrer, Ladurée Royale und 31, rue Cambon könnten auf den ersten Blick kaum unterschiedlicher sein. Die eine Adresse gehört dem täglichen Brot. Die nächste steht für die klassische Pâtisserie. Eine weitere ist mit der Pariser Salonkultur verbunden und die letzte mit der Haute Couture. Was sie verbindet, ist die Fähigkeit, ihre Geschichte nicht nur zu bewahren, sondern bis in die Gegenwart fortzuführen.

Keiner dieser Orte ist vollkommen unverändert geblieben. Gebäude wurden umgestaltet und Einrichtungen restauriert. Auch die Traditionen passten sich neuen Zeiten an. Ihre Vergangenheit wurde dabei jedoch nicht ausgelöscht. Sie blieb in der Gestalt der Räume, in den Namen der Häuser und in den Spuren früherer Generationen lesbar.

Historische Adressen ziehen mich an, weil sie die Nähe vergangener Lebenswelten spürbar machen. Für mich zeigt sich an diesen Orten eine besondere Form von Eleganz, die aus dem sorgsamen Umgang mit dem Überlieferten erwächst.

Der Duft frischen Gebäcks verband sich auf diesem Weg mit alten Malereien und celadongrünen Schaufenstern. In der Rue Cambon kam die stille Fassade der Nummer 31 hinzu. So zeigte sich mir das Paris, das ich besonders liebe. Nicht als eine Stadt, die der Zeit entkommen ist, sondern als eine Stadt, die ihren Spuren bis heute Raum lässt.