Wo Paris zur Bühne wird: Die Opéra Garnier

grand foyer, opéra garnier, paris © elegance & heritage
Die Fassade der Opéra Garnier ist so eng mit Paris verbunden, dass sie einem vertraut erscheint, noch bevor man zum ersten Mal vor ihr steht. Sie bildet den feierlichen Abschluss der Avenue de l’Opéra, umgeben vom beständigen Verkehr der Stadt und doch von einer solchen Geschlossenheit, als sei der Platz einzig für dieses Gebäude geschaffen worden.
So eindrucksvoll die äußere Erscheinung auch ist, sie lässt kaum erahnen, welche Welt sich hinter ihr öffnet. Ich hatte mit Pracht gerechnet, mit Marmor, Gold und der überwältigenden Größe, für die das Palais Garnier bekannt ist. Dennoch überraschte mich das Innere bei meinem ersten Besuch weit mehr, als ich erwartet hatte. Nicht allein wegen seines Reichtums, sondern weil sich die Räume mit einer Wirkung entfalten, die selbst die vertrautesten Fotografien nur unvollständig wiedergeben.
Vor dem ersten Besuch
Bevor ich einen historischen Ort zum ersten Mal besuche, lese ich gewöhnlich ein wenig über seine Geschichte. Es geht mir nicht darum, bereits jedes Detail zu kennen. Ich möchte lediglich verstehen, was ich sehen werde und weshalb ein Gebäude so geworden ist, wie es sich heute zeigt.
Ein wenig Vorwissen nimmt der Begegnung mit einem Ort nichts von ihrer Überraschung. Im Gegenteil, es schärft den Blick. Ein Name, ein wiederkehrendes Symbol oder eine ungewöhnliche Gestaltung ist nicht länger bloße Dekoration, sobald man ihre Bedeutung kennt. So waren mir vor meinem Besuch bereits Charles Garnier, das große Treppenhaus, der Grand Foyer und Marc Chagalls Deckengemälde vertraut. Doch erst vor Ort fügten sich diese einzelnen Kenntnisse zu einem zusammenhängenden Eindruck.
Ein Palais für Kunst und Gesellschaft
Der Bau des neuen Opernhauses wurde unter Napoleon III. beschlossen. In dem 1860 ausgeschriebenen Wettbewerb setzte sich der damals erst fünfunddreißigjährige Charles Garnier unter 171 eingereichten Entwürfen durch. Die Arbeiten dauerten fünfzehn Jahre; eröffnet wurde das Palais am 5. Januar 1875. Die Republik vollendete damit ein Haus, dessen Entstehung noch in die Zeit des Zweiten Kaiserreichs zurückreichte.
Für das Verständnis des Gebäudes ist vor allem eines entscheidend: Garnier entwarf nicht nur einen Zuschauerraum mit den dazugehörigen Zugängen. Er schuf eine Folge von Treppen, Galerien und Salons, die den Besuch bereits vor Beginn einer Aufführung in etwas Besonderes verwandeln sollte.
Der Weg zur Kunst wurde selbst Teil ihrer Inszenierung. Das Publikum sollte ankommen, hinaufsteigen, verweilen und anderen begegnen. Die Räume boten ihm Gelegenheit, zu sehen und zugleich gesehen zu werden. Noch heute tragen sie etwas von dieser gesellschaftlichen Inszenierung in sich, selbst wenn man sie bei Tageslicht und ohne bevorstehende Vorstellung durchquert.
Das große Treppenhaus
Am Bassin de la Pythie beginnt die eigentliche Verwandlung. Hinter der bronzenen Pythia öffnet sich die fast dreißig Meter hohe Halle des großen Treppenhauses. Breite Marmorstufen steigen empor, teilen sich und führen unter offenen Galerien in verschiedene Richtungen weiter. Balkone geben den Blick auf die Ankommenden frei, während gemalte Decken, farbiger Marmor, Mosaiken und vergoldete Flächen den Raum nach oben hin fortsetzen.
Gerade hier wurde mir bewusst, wie wenig sich räumliche Größe auf einem Bild erfassen lässt. Fotografien zeigen die Treppe meist von einem einzigen Standpunkt. Vor Ort verändert sie sich mit jedem Schritt. Von unten wirkt sie monumental, von den oberen Galerien beinahe wie eine Bühne. Man betrachtet nicht nur die Architektur, sondern wird für einen Augenblick selbst Teil ihrer Inszenierung.

grand escalier, opéra garnier, paris © elegance & heritage
Die Treppe dient deshalb weit mehr als dem Aufstieg. Sie gibt dem Ankommen eine Form. In einer Zeit, in der der Opernbesuch ebenso ein gesellschaftliches Ereignis wie ein künstlerisches war, machte sie bereits den Eintritt zu einem öffentlichen Augenblick.
Der Grand Foyer und die kleineren Salons
Auf das Treppenhaus folgt das Avant-Foyer mit seinen goldgrundigen Mosaiken. Dahinter öffnet sich das Grand Foyer, der glanzvollste Raum des Palais. Spiegel und hohe Fenster erweitern die Galerie, während Paul Baudrys Deckengemälde den Blick nach oben führen. Die Lyra erscheint als wiederkehrendes Zeichen der Musik an Kapitellen, Heizgittern und selbst an den Türgriffen.
Mich faszinierte vor allem die Sorgfalt, mit der die Fülle des Grand Foyer zu einem Ganzen verbunden ist. Große Gemälde, Spiegel, Vergoldungen und selbst die kleinen Beschläge greifen ineinander und geben dem Raum seine Geschlossenheit. Nichts ist beiläufig gewählt.
Der Raum war für das Flanieren und die Begegnungen während der Pausen bestimmt. Seine Pracht diente daher nicht nur der Bewunderung. Sie gab einem gesellschaftlichen Ritual den passenden Rahmen. Der Opernabend spielte sich nicht allein auf der Bühne ab; auch das Publikum gehörte zu seinem Bild.
grand foyer, opéra garnier, paris © elegance & heritage
Neben diesem großen Saal wirken der Salon du Soleil und der Salon de la Lune beinahe wie kostbare Kabinette. Der eine ist in Schwarz und Gold gehalten, der andere in Schwarz und Silber. Ein Drache und ein Salamander schmücken den ersten, Eulen und Fledermäuse den zweiten. Der hellere Salon du Glacier trägt bereits die leichtere Stimmung der Belle Époque. Während der Pausen wurden dort einst Erfrischungen und feines Gebäck gereicht.
Gerade diese kleineren Räume lohnen einen langsameren Blick. Sie bewahren Einzelheiten, die in der Größe des Treppenhauses und des Grand Foyer leicht verloren gehen könnten, und machen spürbar, wie vollständig Garnier sein Haus durchdacht hatte.
Die Vorstellung eines früheren Opernabends
Historische Räume betrachte ich nie ausschließlich als Architektur. Fast unwillkürlich beginne ich mir vorzustellen, wie die Menschen einst durch sie hindurchgingen, wie ein Opernabend in früherer Zeit ausgesehen haben mag und welche Stimmen, Schritte und leisen Geräusche die Säle erfüllten.
Das große Treppenhaus lässt an lange Abendkleider denken, deren Säume über den Marmor glitten, und an Herren in dunklen Fräcken, die von den Galerien aus die Ankommenden betrachteten. Man kann sich das Rascheln der Stoffe, das gedämpfte Geräusch der Schritte und die Gespräche vorstellen, die im Grand Foyer fortgesetzt wurden, bevor ein Zeichen zur Rückkehr in den Zuschauerraum rief.

imaginierte szene eines opernabends im späten 19. jahrhundert · ki-generiert
Die Vorstellung entsteht aus dem, was die Räume selbst erzählen. Ihre Anlage lässt noch heute erkennen, dass ein Opernabend nicht allein von der Aufführung lebte, sondern ebenso vom eigenen Erscheinen und von den Begegnungen vor Beginn und während der Pausen.
Vielleicht erscheinen mir historische Orte gerade deshalb so lebendig. Ich sehe nicht nur, was von ihnen erhalten geblieben ist. Für einen Augenblick versuche ich auch, mir das Leben vorzustellen, das einst durch sie hindurchging.
Roter Samt, Gold und Chagall
Der Zuschauerraum besitzt eine andere Wirkung. Nach dem hellen Marmor und den langen Galerien verdichtet sich alles zu rotem Samt, Gold und gedämpftem Licht. Die Ränge steigen eng übereinander an, Logen fassen den Raum ein, und über ihnen hängt der große Kristalllüster. Garnier wählte den roten Samt auch deshalb, weil sein warmer Ton dem Teint der Besucherinnen schmeicheln sollte. Selbst die Farbgebung war damit Teil der gesellschaftlichen Inszenierung.
Über diesem Interieur des 19. Jahrhunderts entfaltet sich seit 1964 Marc Chagalls farbenreiches Deckengemälde. Seine moderne Bildsprache steht in deutlichem Gegensatz zu den vergoldeten Logen und dem tiefen Rot des Saales. Gerade diese Verbindung verschiedener Zeiten macht den Blick nach oben so unverwechselbar.
les loges, opéra garnier, paris © elegance & heritage
Der Zuschauerraum erschien mir trotz seiner Größe beinahe intimer als die öffentlichen Foyers. Während diese für Bewegung und Begegnung geschaffen wurden, sammelt sich hier alles auf einen einzigen Punkt: die Bühne.
Die Ordnung hinter der Pracht
Was mich an der Opéra Garnier am stärksten beeindruckte, war am Ende nicht ein einzelner Raum. Es war die Konsequenz des Ganzen. Eine Treppe wird zum Ort des Erscheinens, ein Foyer zum gesellschaftlichen Salon, ein Türgriff trägt das Zeichen der Musik. Jeder Teil bereitet auf die Kunst vor, noch bevor der erste Ton erklungen ist.
Das Palais Garnier ist kein Haus der Zurückhaltung. Es ist farbig, selbstbewusst und von außerordentlicher Fülle. Dennoch wirkt nichts an seiner Pracht wahllos. Sie folgt einer inneren Ordnung, in der Architektur, Malerei, Bildhauerei und Kunsthandwerk miteinander verbunden sind.
Vielleicht liegt darin seine eigentliche Eleganz. Nicht in der Fülle allein, sondern in der Sorgfalt, mit der selbst das Kleinste seinen Platz im Ganzen erhält.
Was man vor dem Besuch wissen sollte
Für einen ruhigen Rundgang durch die Opéra Garnier sollte man ungefähr anderthalb Stunden einplanen. Eine vorherige Online-Buchung ist erforderlich. Die selbstständige Besichtigung kostet derzeit 15 Euro für Erwachsene mit Wohnsitz oder Staatsangehörigkeit im Europäischen Wirtschaftsraum und 25 Euro für Erwachsene außerhalb des EWR. Da das Palais weiterhin als Opernhaus genutzt wird, kann insbesondere der Zuschauerraum wegen Proben oder technischer Arbeiten kurzfristig geschlossen bleiben.
Zu den gewöhnlich zugänglichen Bereichen gehören außerdem die Rotonde des Abonnés unterhalb des Zuschauerraums und die öffentlich zugängliche Galerie der Bibliothèque-Musée de l’Opéra.
Für eine selbstständige Besichtigung kann der Eintritt auch über GetYourGuide gebucht werden.
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Ticket für die selbstständige Besichtigung der Opéra Garnier ansehen*
Der Besuchereingang befindet sich an der Ecke Rue Scribe und Rue Auber. Für den Einlass steht ab der gebuchten Uhrzeit ein Zeitfenster von 30 Minuten zur Verfügung. Da Sicherheitskontrollen den Zugang verzögern können, empfiehlt es sich, einige Minuten früher einzutreffen. Für den EWR-Tarif und weitere Ermäßigungen ist beim Einlass ein entsprechender Nachweis erforderlich. Da sich Preise, Öffnungszeiten und Besichtigungsbedingungen ändern können, empfiehlt sich vor dem Besuch ein Blick auf die aktuellen Hinweise der Pariser Oper.











